Die letzte Hagebutte
Vor einiger Zeit bekam ich an meinem Wegesrand eine Rose zu Gesicht, eine Rose von atemberaubender Schönheit. Nur der wahrhaft Feinsinnige, so sagte ich mir, würde ihre Schönheit in vollem Ausmaß erkennen können. Doch so sehr mich die Begierde verführte, vergangene Torheiten hatten mich gelehrt, diese Rose nicht zu pflücken. Sie hätte mich dafür gestochen. Und hätte ich sie dann dennoch voller Zorn ausgerissen, so wäre sie doch bald verwelkt. Ihre Schönheit, so wusste ich, steckte nicht in ihrem Äußeren. Sie zog sie aus der Erde, die sie mit allem verbindet.
Und so kam es, dass ich täglich bei ihr vorbeisah. Doch statt sie zu liebkosen oder gar überhaupt zu berühren, pflegte ich nur die Erde, die sie umgab. So zupfte ich das lästige Unkraut, lockerte den Boden nach starkem Regenguss wieder auf und goss Wasser über ihn bei zu großer Dürre.
Nach einigen Wochen - ich war gerade bei ihr - trug der Wind eines ihrer Blütenblätter hinfort. Ich war schockiert und in dem festen Entschluss, dass dieses ihr letztes Leid gewesen sein soll, kümmerte ich mich umso stärker um den Boden rings um sie. Doch in den darauffolgenden Tagen verlor sie immer mehr von ihrer Lebenskraft. Die Angst um sie schnürte mir die Brust zu, dass ich nicht mehr atmen konnte. Ich verlor den Verstand und schrie sie an, was ich besser machen kann, was ich falsch gemacht habe. Hatte ich nicht jeden Störenfried aus ihrer Erde gerupft? Hatte ich ihr nicht alleine das Podest bereitet, von dem aus sie mit stolzem Haupt ihre Schönheit präsentieren kann? Ich verstand es nicht. Ihr Leben hatte ich perfekt gemacht und dafür sollte sie von mir gehen? Ich sperrte mich für mehrere Wochen weg und rätselte. Wenn wir doch das Gute anstreben, so kann es nicht falsch sein, es zu besitzen, oder etwa doch? Sehr bitter war ich zu dieser Zeit…
Ich weiß heute nicht mehr, ob es mir der Wind zusäuselte oder die Wolken im Himmel es mir zeigten, doch bald sollte auch ich erkennen:
Die Rose strebt nicht. Sie nimmt, was ihr zuteil wird.
Die Rose revanchiert sich nicht. Sie gibt, was ihr zu viel ist.
Die Rose sucht keine perfekte Erde. Sie sucht die Echtheit im Unvollkommenen.
Mit neu gewonnenem Sanftmut näherte ich mich ihr wieder an. Ich pflegte nun wieder ihre Erde, aber lernte, die anderen Pflanzen in ihrer Nähe mit dem gleichen Schönheit sehenden Blick zu betrachten wie sie selbst. Den Sommer hindurch trug der Wind immer wieder ihre Blätter hinfort. Und immer wieder sammelte ich sie ein und legte sie zu ihr zurück. Es war ein schönes Spiel und ich war verliebt. Ich sah zu, wie sie wuchs, wie sie reifte. Sehr bald schon trug sie gar für jede verlorene Blüte eine glänzend rote Hagebutte. Ich liebte sie, denn sie war zart und frei.
Im Oktober dann begann sie, ihre Früchte zu verlieren. Langsam ging auch ihre äußere Pracht von ihr. Sie musste darüber sehr traurig sein. Aber noch immer steckte die gleiche Schönheit wie damals in ihr. Ich saß nun oft bei ihr und goss sie mit meinen Tränen. Ich wusste, dass es bald an der Zeit sein würde, Abschied zu nehmen, und das stimmte mich traurig. Und dennoch, und trotz aller Tränen verlor ich in diesem Oktober nie mein Lächeln oder meine Sanftmut.
Am ersten November, sie hatte nun nur noch eine Hagebutte, saß ich wie immer bei ihr und gab das, wessen ich zu viel hatte. Nie hatte sie mit mir geredet, doch in einem Moment spürte ich einen warmen, kitzelnden Wind im Nacken und hörte eine zärtliche Stimme: “Danke für die Tränen, die deine Liebe zu mir trugen.” Kurz darauf fiel ihre letzte Hagebutte in meine offene Hand. Niemals werde ich wissen, ob sie damals wirklich zu mir gesprochen hat, doch für immer spüre ich ihre Liebe in dieser letzten Hagebutte.