Ich war nicht alt, als ich von einem Geheimdienst angeworben wurde, zweiundzwanzig oder dreiundzwanzig Jahre vielleicht. So genau kann ich das heute gar nicht mehr sagen. Natürlich werde ich mich hier hüten, den Namen des Geheimdienstes zu erwähnen, aber in dem Bereich, in dem ich nun arbeite, wäre es sowieso gänzlich irrelevant, welcher Geheimdienst es ist, da sie alle eine Abteilung dafür haben. Als sie mich angeworben haben, hieß es zunächst, dass ich im wissenschaftlichen Bereich arbeiten werde. Das tat ich dann auch, wertete Studien aus, die wichtige Informationen für uns enthalten könnten. Bald darauf war ich daran beteiligt, eigene Studien in Auftrag zu geben. Dabei ging es immer um einen öffentlichen und einen nicht-öffentlichen Teil. So kann zum Beispiel die Wirkung bestimmter Filme hinsichtlich zweier Aspekte überprüft werden. Welche Stimmung lösen sie aus? Das darf dann die Öffentlichkeit wissen. Im nicht-öffentlichen Teil geht es dann zum Beispiel darum, ob sie bestimmte Fähigkeiten auslösen. Natürlich braucht das geschultes Personal, das zum Beispiel in der Lage ist, Informationen durch einen Subtext zu übertragen, der nicht üblich ist, also eben nicht einfach Sarkasmus oder etwas in diese Richtung. Das ging so weiter, obwohl ich heute auch nicht so genau sagen könnte, ob die Dinge, mit denen ich heute befasst bin, schon lange vor mir bekannt waren oder erst durch mich herausgefunden wurden. Sie haben sich gewissermaßen mit mir entwickelt, wobei ich äußere und innere Ursachen schwer trennen kann. Aber dass ich mich damit befasse, das weiß ich genau. Ich werde es so erzählen, als hätten diese Sachen schon vorher festgestanden.

Man brachte mich immer mehr Sachen näher. So fand ich durch die Studien, dass die meisten Psi‑Kräfte existieren. Gedankenübertragung, Telekinese, Heilung durch Berührung, das alles ist möglich. Ich lernte andere Agenten kennen, die genau das auch wussten. Kurz darauf kam ich in Zustände, in denen ich solche Kräfte einsetzen konnte. Man sagte mir, ich müsse bestimmte Drogen nehmen und Meditationstechniken lernen, um dies zu kontrollieren. Und so sah ich die Welt wie auf einer Landkarte und, wenn mich etwas Bestimmtes an ihr interessierte, so konnte ich bis auf die für mich atomarste Ebene gehen und direkt in einen Menschen hineinfahren. Genauso konnte ich die Zeit als großes Ganzes fassen, an das mein Geist nicht derart gebunden war, wie mein Körper. Es war erst ein erhabenes Gefühl, aber irgendwann wies mich jemand darauf hin, dass, wenn ich das kann, andere Menschen das auch können. Ich würde nun immer aufpassen müssen, dass niemand den Fokus sehr stark auf mich legt. Dazu galt es zunächst, vorsichtig zu sein, in wen ich hineinfahre, und später, dies durch bestimmte Techniken zu verhindern.

Irgendwann erfuhr ich, dass die Menschheit oder zumindest ein Teil von ihr in Austausch mit Außerirdischen steht. All diese Kräfte, argumentierte man mir, sind Teil dessen, was uns damals mitgegeben wurde. Wenn Tiere diese Kräfte nicht haben, wie ich auch glaubte, so seien sie ein Beweis dafür, dass wir Menschen uns nicht von selbst so entwickelt haben, sondern das Bewusstsein etwas ist, das uns gegeben wurde. Das aber wiederum bedeutete eine außerirdische Existenz, da nichts, was auf der Erde war, uns etwas hätte mitgeben können, was es auf der Erde nicht gibt.

Da regte sich in mir eine Idee. Wie ich schon wusste, konnte sich der menschliche Geist über Raum und Zeit hinweg bewegen, ohne dass der Körper das Hier und Jetzt verlässt. Wie wäre es da, wenn wir den Anfang der Menschheit nicht nur ergründen, sondern selbst mitgestalten, wenn wir es wären, die der Menschheit das mitgeben, was sie zu uns werden ließe?

Nun, ich wisse nicht alles, sagte man mir. Man erklärte mir, dass diese Fähigkeiten untrennbar mit den Außerirdischen verknüpft seien und dass, den Anfang auf diese Art zu verändern, ein schwerer Eingriff in die Kausalität sei. Ich konnte das so allerdings nicht glauben und dachte mir, dass gerade dieser Eingriff die Kausalität herstellte. Denn wären wir so abhängig von den Fähigkeiten außerirdischer Wesen, so stellte sich ja auch bei ihnen und ihren Fähigkeiten die Ursprungsfrage. Sind wir hingegen abhängig von uns selbst, so wäre die Folge auch die Ursache. Man müsste nicht nach einer Ursache suchen, die selbst keine mehr hatte. Man entgegnete mir, dass ich den Geist und die physische Welt vertausche. Dem Geist möge es zwar nötig sein, sich gemäß des Münchhausen‑Trilemmas auf im Kreis verlaufende Argumentationen zu stützen, um nicht in infiniten Regress oder auf willkürliche Behauptungen zurückzufallen, die physische Welt sei aber nicht derart. Es sei darüber hinaus gemäß der vierfachen Wurzel des Satzes vom zureichenden Grunde nicht zulässig, einen geistigen Grund als physikalische Ursache anzugeben. Die Kugel, die ich angestoßen habe, bewegt sich nicht, weil ich die Newton'schen Axiome kenne, sondern weil ich eine Kraft auf sie ausgeübt habe beziehungsweise die Newton'schen Axiome gelten.

Da wollte ich wieder entgegnen, dass es sich im Grunde doch um einen spannenden Versuch handelte. Gäben wir die geistige Basis für die Urmenschen, gäbe es drei mögliche Ausgänge. Sie entwickeln sich entweder genauso wie wir und tun letztlich genau dasselbe oder sie entwickeln sich in einer anderen Zeitlinie anders und verändern, wie wir es vorhaben, den Anfang der Menschheitsgeschichte und generieren wieder eine andere Zeitlinie oder sie entwickeln sich anders und tun dies nicht. Dass der erstere Fall eine befriedigende Kausalität beinhaltete, habe ich bereits erwähnt. Interessant ist allerdings der zweite Fall. In diesem Fall könnte sich die Menschheit mit jedem neuen Anlauf noch höher entwickeln, dem Bild einer Kurvenschar nachempfunden. Und im dritten Fall hätten wir selbstverständlich versagt, denn nicht nur könnten wir keine neue Menschheit hervorbringen, wir würden vielleicht auch wichtige geistige Konstrukte aufgeben und zurückgespiegelt bekommen, dass wir entsprechende Kompetenzen gar nicht haben. Ob wir erfolgreich sind oder nicht, besteht sowieso das Risiko, dass wir im Zuge der Übergabe unserer geistigen Fähigkeiten dieselben verlieren.

Ich konnte die Leute um mich irgendwann doch überzeugen, es zu versuchen. Bei unserer Analyse der Urmenschen haben wir wichtige Faktoren kennen gelernt. Erst einmal ist der Mensch noch Tier und das Tier muss die Dinge für sein eigenes Wohlbefinden unterscheiden. Man erreicht die Urmenschen also besser, wenn man geistige Kategorien auf Faktoren anwendet, die einen direkten Einfluss auf sie selbst haben. Dementsprechend sind Adjektive viel wichtigere Worte als Substantive oder Verben. Mit einem Adjektiv kann man direkt Eigenschaften beschreiben, während Substantive eher dazu da sind, Dinge einer gewissen Komplexität zu vereinfachen, wozu also ein Verständnis dieser Komplexität vorliegen muss, und Verben dazu da sind, Dinge nicht nur der Sache nach, sondern zeitlich einzuordnen, und somit ein Verständnis von der Zeit erfordern. Zuletzt kommt hinzu, dass wenig komplexe Gegensätze am einfachsten die geistigen Prinzipien erklären. Während das Tier immer nur im Moment lebt und den Gegensatz nur als ein umgesetztes Alarmsignal, also zum Beispiel des Fluchtinstinktes, erfährt, also im eigentlichen Moment der Flucht nicht daran denkt, wie es jetzt wäre, woanders zu sein, sondern dass es im Hier und Jetzt nötig ist zu fliehen, müssen die Urmenschen ein Konzept davon kriegen, was es heißt, wenn der Zustand der hier und jetzt da ist, nicht da wäre. Es ist also nötig, sie zunächst Dinge einordnen zu lassen, die sie direkt betreffen, möglichst mit Konstrukten, die wir als Adjektive einordnen würden, und ihnen dann in einer Situation den Gegensatz zu ihr vorzuspielen, beispielsweise sie bei einer wohlschmeckenden Frucht an eine bittere Frucht zu erinnern.

Darüber hinaus scheinen die Menschen auf die Unterscheidung zwischen gut und schlecht aufgebaut zu sein. Also ist der Wert für den Menschen das Vorderste der Dinge. Hinzu kommt, dass er zunächst durch den Werkzeug- und Waffenbau erkannt hat, dass er seine Umwelt beeinflussen kann. Diesen Werkzeugen gab er selbstverständlich auch einen Wert. Der Handel mit solchen Erfindungen wurde dadurch, dass der Wert der Grundgedanke des Menschen ist, zum ersten Kommunikationsakt, zum ersten Austausch mit Andersdenkenden. Der Handel stand im Zentrum. Und indem der Mensch das Prinzip, die physischen Dinge zu verändern, auf den Geist angewendet hat, konnte er auch das Geld erfinden. An Geldwerten war der Wert der Dinge immer klar ablesbar. Und somit wurde das Geld selbst zum Wert und damit zum Vordersten der Dinge. Wenn aber das Geld ein Werkzeug des Geistes ist, der Wert aber das erste geistige Konstrukt, so entsteht ein Paradox der Form, dass das, woraus etwas gemacht ist, selbst Bauteil desselben ist, sobald Geld selbst zum Wert wird. Das Geld nämlich wäre aus dem Wert gemacht, der Wert wiederum bemisst sich am Geld. Hier ist also ein Fehler in der Entwicklung der Menschheit auszumachen.

Für einen neuen Ansatz betrachte ich Sokrates, der wohl als erstes Individuum auf die Menschheitsbühne getreten ist. Es ist gemeinhin bekannt, dass Sokrates als der Begründer der Ethik gilt. Das ist also recht spät passiert, obwohl es eine Frage der Bewertung durch gut und schlecht ist. Womöglich wäre es gut, den Menschen sehr viel schneller und sehr viel früher beizubringen, gut und schlecht auf Handlungen, Motive und ähnliches anzuwenden. Das konnten unsere Vorgänger vielleicht nicht, weil ihnen niemand diese Frage beigebracht hat. Wer auch immer hier einwenden möchte, ethische Fragen seien auch eine geistige Erfindung wie das Geld, verkennt, dass sie sich auf Instinkte, die sich beispielsweise in Empathie entwickelt haben und die natürlich in unserer Welt wirklich existieren, beziehen.

Mir wird gesagt, dass man Fortschritte gemacht hat und womöglich das, was wir vorhaben, den Anfang der Menschheit zu gestalten, in unseren Ursprüngen von einer anderen Menschenrasse gemacht wurde. Ich weiß nicht, ob man es mir sagt, weil ich es eher glauben würde, aber es heißt, es wären die Atlantiden gewesen, die Bewohner von Atlantis. Diese existierten gar nicht in unserer Zeitlinie, sondern haben uns Erinnerungen an sie mitgegeben, obwohl wir sie nie direkt sehen konnten, da auch ihre Körper an ihre Zeitlinie gebunden waren. Ich kann das alles nicht verifizieren. Ich komme auch gar nicht in Bereiche, in denen eine Kommunikation mit grundverschiedenen Zeitlinien möglich wäre. Ich bin hier darauf angewiesen, dem, was mir gesagt wird, zu glauben. Vielleicht sind wir eine Zivilisation, die sich viel langsamer entwickelt hat, um in ihr wichtige Fragen herauszufinden wie die der Ethik, deren Beantwortung wir nun der nächsten Zivilisation überlassen.

Dies ist der jetzige Stand. Und der Traum aber ist jenes, dass diese andere Menschheit unsere Nachkommenschaft in einem rein geistigen Sinn sein wird, wir uns mit ihr nicht fort-, sondern hinaufpflanzen werden, sie neben, über und unter uns steht, sie ein Kind aus Millionen Kindern von Millionen Eltern ist, sie der Prozess, den sie durchlaufen wird, ist und von dem Prozess, den wir durchlaufen haben, stammt. Nur heute frage ich mich, ob dieses Projekt, das von ehedem bis dermaleinst reicht, Erfolg hat. Und es steht in den Sternen, die nunmehr nicht mehr meine Sterne sind, nicht mehr unsere, sondern die unserer „Kinder“.