Zu den Seinsbegriffen, insbesondere „gut“
Durch Schopenhauer bekommt Kant eine ganz andere Wendung. Statt nämlich vorauszusetzen, dass es eine neutrale Materie gibt, sagt Schopenhauer, dass Objektivität eben nicht beispielsweise im unbeobachteten Universum liegt, sondern von uns Menschen abhängig und, um mich falsch auszudrücken, individuell ist. Wir sind nicht gleichartig mit allem um uns in einen objektiven Raum gesetzt worden, wir haben ihn „erschaffen“. Das wirft auch ein anderes Licht auf Begriffe wie a priori, was sich zum Beispiel auch bei Nietzsche niederschlägt, wenn er bei persönlichen Interessen und Neigungen von seinem Apriori spricht. Es schlägt sich auch nicht nur nieder, Nietzsche hat es erkannt.
Schopenhauer unterscheidet unterdessen die „Dinge“ in vier mögliche Klassen, denen jeweils eine andere Art des Grundes zuzuordnen ist, sollte man auf sie bezogen nach einem Warum? fragen. Hierzu zählen kausale Zusammenhänge, bei denen nach einer Ursache gefragt werden muss, Erkenntnisse, bei denen nach einer Voraussetzung oder logischen Rechtfertigung gefragt werden muss, Seinendes, das sich gegenseitig bedingt, und der Wille, bei dem man nach einem Motiv fragen muss. Die dritte Kategorie von Gründen, die Seinsgründe, interessieren mich hier besonders. Schopenhauer führt als solchen die Winkel eines Dreiecks im Verhältnis zum Verhältnis seiner Seiten ein. Ändert sich das eine, ändert sich das andere mit ihm. Hier sind Grund und Folge, Ursache und Wirkung relativ zueinander. Das eine muss nicht vor dem anderen stehen oder andersherum.
Mich verleiten solche Gründe zu der Annahme, dass es Dinge gibt, die sich einem Warum? entziehen. Sie bedingen sich gegenseitig beziehungsweise ist die Veränderung des einen in der Veränderung des anderen enthalten oder sie sind in sich „vollkommen“. Die Begriffe, die solche „Dinge“ beschreiben, nenne ich Seinsbegriffe. Man kann beispielsweise Farben als solche Dinge bezeichnen. „Blau“ wäre dementsprechend ein Seinsbegriff. Maßeinheiten, insbesondere die SI-Einheiten, fallen darunter. Und es wird offensichtlich, wie oben mit der wechselseitigen Abhängigkeit schon beschrieben, dass, wollte man solche Dinge erklären, die Erklärung zirkulär verliefe. Andernfalls – und richtigenfalls – erklärte man diesen Begriff mit sich selbst. „Blau ist eben blau.“ Eine weitere Sache wird offensichtlich, dass nämlich solche Begriffe sich ausschließlich durch die Erfahrung gänzlich erklären. Wie weit ein Meter ist, kann ich mit allen Begriffen beschreiben, die wir haben, aber wirklich verstehen wird es einer immer erst dann, wenn man ihm sagt, dieses oder jenes sei einen Meter lang.
Reden wir noch einmal über das, worüber man nicht spricht. Es sind nämlich die Seinsbegriffe gänzlich unsinnig, gäbe es nicht die „Dinge“, auf die sie sich beziehen. Aber wie man diese Dinge genau auffasst, wird sich den Begriffen immer entziehen, da jede Beschreibung, die Seinsbegriffe über sich hinaus erklären soll, zirkulär verlaufen muss. Und genau darum spricht man nicht darüber. Und genau darum heißen sie Seinsbegriffe. Mit ihnen ist kein rhetorisches Werden möglich. Das aber wiederum legt die Vermutung nahe, dass sie der Begriffe unterstes und erstes sind. Wenn sich nämlich andere Begriffe stets auf etwas zurückführen lassen, diese aber nicht, so sind sie aller Erkenntnisse Anfang. In diesem Sinne könnte man bei jenen „Dingen“, auf die sich die Seinsbegriffe beziehen, von einem a priori sprechen, denn sie bedingen das menschliche Sein von Grunde auf und sind somit Vorbedingungen für unsere Erfahrungen.
Um Kant an dieser Stelle gerecht zu werden, will ich erwähnen, dass Farben und Maßeinheiten ein Griff ins Blaue waren. Woöglich lässt sich unser Dasein von noch grundlegenderen „Dingen“ genauso gut bedingen, ohne dass wir auf Farben verzichten müssen, weil sich sozusagen Farben auch nur als eine Mischung aus zwei verschiedenen Dingen, also synthetisch herleiten lassen. Ich denke aber, Farben sind ein gutes Beispiel, um den Irrglauben abzuwenden, wir hätten von ihnen vor jeder Erfahrung bereits eine Vorstellung. Darüber hinaus bietet es sich an, Begriffe zu verwenden, die wir bereits haben, anstatt irgendwelche „noch nicht gefundenen“ zu erträumen.
Ich will einmal deutlich werden: a priori sind alle Vorstellungen, die das Dasein eines Wesens bedingen. Fasst es diese in Begriffe, handelt es sich dabei um Seinsbegriffe.
Insbesondere will ich nun zu dem Begriff „gut“ übergehen. Bevor wir dazu kommen, den Menschen selbst als gut zu bezeichnen, müssen wir, im Sinne des dialektischen Prinzips, dass jedes, das sich selbst erkennen will, zuerst ein anderes erkannt haben muss, davon ausgehen, dass der Mensch zuerst andere Dinge als sich selbst als gut bezeichnet hat. Der andere Fall ist nicht ausgeschlossen, wäre aber ein sehr großer Zufall, bedenkt man, dass der Mensch, wenn er sich selbst nicht fassen kann, wahllos die Dinge einordnet, da er sich selbst – also etwas, das er nicht kennt – nicht den Vorrang gewähren kann. So ist es eine Frage, in welcher Weise er den Begriff brauchte. Da ist es einleuchtend, dass er zunächst der Bedürfnisbefriedigung den Vorrang gab. So scheint es mir sinnvoll, dass er zuerst Nahrung, Kleidung und ähnlichem den Begriff „gut“ verlieh, Nahrung beispielsweise, wenn sie schmeckte, Kleidung, wenn sie warm hielt. Dass man so werten konnte, bedeutete wiederum, dass die Dinge von unterschiedlichem Wert waren. Damit aber hatte man eine erste Unterscheidung der Dinge gefunden: ihren Wert. (An dieser Stelle lasse ich gerne über das Problem mit Geld als Werteinheit nachdenken.) Mag der Begriff „gut“ heute nicht mehr atomar genug erscheinen, synthetisch ist er nicht. Bei vielen Dingen mögen wir ihre Güte von anderen Dingen abhängig machen, aber es gibt nicht das eine Kriterium, das immer auf Güte hinweist. Insofern handelt es sich bei dem Wort „gut“ um einen Seinsbegriff.
So ergibt sich auch, warum das Handeltreiben eine frühe Form der menschlichen Kommunikation ist. Beim Handeln kann man den anderen nicht nur „beibringen“, dass etwas bewertet werden muss, sondern auch wie. Man tauschte sich so darüber aus, welche Dinge es gibt, und bildete vom Streit hin zum Frieden einen Sinn für diese aus. Das Handeltreiben ist ein Schritt im Bewusstwerdungsprozess des Menschen. Den Menschen nun im nächsten Schritt als „gut“ oder „schlecht“ zu bezeichnen, weist auf den Selbstbewusstwerdungsprozess hin, also dass der Mensch sich selbst auch als Ding erkannte. Er hat bemerkt, dass er, so wie alles andere, das er sieht, auf dieser Welt ist.
An dieser Stelle, will ich meinen, fängt Nietzsche erst an, wenn er über die Begriffspaare „gut und böse“ und „gut und schlecht“ spricht. Das zweitere habe ich erwähnt. Während der Mensch sich nämlich lange Zeit gar nicht anders als als Subjekt auffassen konnte, fiel ihm hiermit auf, dass er auch Objekt war. Er bezeichnete sich selbst als gut. Warum hätte er sich anders nennen sollen? Und, wie Nietzsche treffend sagt, bezeichnete er diejenigen, die sich dagegen nicht wehren konnten, als schlecht. Diesen Wertunterschied musste er machen, da sich ihm die Dinge zuvor nie als gleich offenbart haben. Und so konnten auch die Menschen nicht gleich sein.
Und während diejenigen, die sich wehren konnten, sich ihres freien subjektiven Handelns sicher sein konnten, denn sie waren dazu befähigt, stellte sich ihnen gar nicht die Frage, ob sie den Menschen weniger als Objekt betrachten sollten. Wen stört es, Objekt zu sein, wenn seine Subjektivität außer Frage steht? Aber diejenigen, die sich nicht wehren konnten, also unter dem Joch der freien Menschen lebten, konnten sich nicht selbst erhalten, indem sie sich als Objekte fassten. Denn ihre Subjektivität stand infrage, war aber gleichzeitig ihr Dasein. So schafften sie den Begriffsgegensatz „gut und böse“. Oder sie eigneten ihn sich an. Dass dieser das Bewertete, zumeist den Menschen, als Subjekt fasst, lässt sich leicht daran erkennen, dass wir auch heute keinen leblosen Gegenstand sinnvoll als böse bezeichnen können.
Vor dem Hintergrund, dass es sich bei dem Wort „gut“ um einen Seinsbegriff handelt, ist diese fortwährende Odyssee des Menschen interessant. Denn hier kommt die „furchteinflößende Folgerichtigkeit“ ins Spiel, wie Nietzsche es nennt. Wenn man nämlich damit anfängt, zu sagen, die Menschen sollen sich besinnen, und „gut“ wurde ihnen gegeben, sie aber von diesem Begriff in ihrem ganzen Sein abhängig sind, dann muss es ihnen zu Anfang gegeben worden sein. Dasjenige aber, was ein solches gibt, darf auch die Gebote aufstellen, nach denen damit bewertet wird, denn es hat zweifache Bedeutung. Zum einen machte es den Menschen zum Menschen. Er muss sich ihm unterwerfen, wie er sich dem Wort „gut“ in seiner eigenen Objektifizierung unterworfen hat, um die Art zu erhalten. Zum anderen muss es wissen, was gut – und in dem Fall böse – ist, sonst hätte es uns diese Werte gar nicht geben können. Die Folge ist nun, dass es uns sagen darf, was gut und böse ist, und wir uns unterwerfen müssen. Und den Rest hat Nietzsche bereits aufgeschrieben. Diese „Umwertung der Werte“ war erfolgreich. Aber warum? Man hätte dieses Aufbegehren doch auch auslachen und bekämpfen können. Der Grund ist der, dass der Punkt, an dem diese Logik ansetzt, zutiefst beschämend ist. Wenn jemand unsere Gründe errät, schämen wir uns, aber wenn jemand den einen Grund errät und uns vor Augen führt, kommen wir aus der Scham gar nicht mehr heraus. Und insofern das Ganze eine Grenzüberschreitung hin zum Anderen ist, macht es auch wütend. „Aber“, so lautet der böse Witz, „es ist doch auch eine Grenzüberschreitung zu uns. Sind wir nicht gleich?“ Aber die Menschen sind verschieden in ihrer Subjektivität. Und insofern die Unterdrückten so sprechen, dass es eine höchste Autorität gibt, die uns „gut und böse“ gab, „gut und böse“ aber eine Subjektivierung der Wertungen war, so muss in Folge der einen Autorität „gut und böse“ für alle gleich sein, in Anbetracht der Subjektivierung dieser Werte aber – schändlich! - das Subjekt, insofern alle Subjekte, gleich sein. Aber werfen wir es den Unterdrückten nicht vor! Sehen wir ruhig ihre Position! Denn es ist in den frühen Entwicklungsstadien der Menschheit mit Verlaub von einem Menschen zu sprechen, der so feine Kategorien und ein so reflektiertes Selbstbild hat, wie man sie heute unter manchen Menschen vorfinden kann. Es gab auch noch keine Ausartung in die Objektivität, sodass man, wie Nietzsche sagt, „den Blitz leuchten“ lassen konnte, beziehungsweise in diesem Kontext ein Wort als Ursache von einem Gefühl als Wirkung trennen konnte. Die Objektivierung der eigenen Person war drückend und man war wehrlos dagegen. Aber was sollte man machen? Man konnte nicht damit anfangen, dass jedes Subjekt verschieden ist, und dann den freien Menschen, der ja noch immer darüber entscheiden durfte, während es die Unterdrückten nicht durften, den Schluss ziehen lassen, dass Unterdrückte über eine Subjektivität verfügten, die der seinen ähnlich ist. Man musste also ein starkes Mittel zur Einführung einer gemeingültigen Subjektivität finden.
Nein, den Menschen der damaligen Zeit ist kein Vorwurf zu machen, sondern den Menschen der heutigen Zeit. Denn insofern es die logische Spätfolge der Einführung der einen und höchsten Autorität ist, die uns diese leblose Objektivität brachte, dass wir nun diese Entkopplung von eben beispielsweise Wort und Gefühl vornehmen können, wurde das Ziel, den freien Menschen ihren Fehler der Objektivierung der Unterdrückten aufzeigen zu können, durch die Mittel erreicht. Es muss selbstredend das Ziel sein, dass die Menschen wieder verschieden sind, aber jeder in seiner Subjektivität anerkannt wird, um es mit Kant zu sagen, als Zweck behandelt wird. Das ist das Ziel, das uns von den Unterdrückten vor tausenden Jahren mitgegeben wurde. Erreichen wir es, so können wir auch mit ihrer Metaphysik abschließen.