Die große Antithese – eine Wiederkehr der Naturphilosophie

Zunächst möchte ich den Titel dieses Textes erklären. Dieser verweist sowohl auf eine Zyklizität der Ereignisse, als auch auf ein dialektisches Prinzip beziehungsweise eine binäre Logik. Die Naturphilosophie ist die erste philosophische Bestrebung, die ohne vorgegebene Annahmen seitens der Religion frei stattfinden durfte. Das macht sie zur ersten philosophischen Bestrebung überhaupt. Abgelöst wurde sie in der nachsokratischen Zeit von der Ethik, die heute weithin in die Moral gemündet ist. Die Ethik könnte man also als erste große Antithese verstehen. Und das Ziel dieser Arbeit ist demnach, die Moral auf den Prüfstand zu stellen und somit, sollte das Ziel, das man sich bei der Begründung der Ethik vage vorstellen konnte, verfehlt sein, auf neue, unschuldige Beine zu stellen.

Die heutige Moral basiert vor allem auf dem Willen. Vor allem oder nur Willensakte können moralisch bewertet werden. Der Wille hingegen hat zwei Bestandteile. Ihm vorgeschaltet ist die Absicht. Ihm nachgeschaltet ist die Handlung. Man mag an dieser Stelle einwenden, dass es unter Umständen keiner Handlung bedarf, um etwas zu wollen, aber Absicht und Handlung sind hinreichend für einen Willensakt. Das heißt, wenn man die Absicht hat, etwas zu tun, und es dann tut, dann wollte man das, was man getan hat.

Diese Grundlage der Moral will ich hier hinterfragen. Dazu gehe ich zunächst darauf ein, wie die natürlichen Umstände sind, ob diese wohl einen Willen zulassen. Über die Willensfreiheitsdebatte möchte ich mich dann deduktiv dem Willen nähern und seine Konzeption vor dem Hintergrund der Naturgegebenheiten hinterfragen. Sollte mir das gelingen, so hoffe ich, die heutige Moral so weit infrage stellen zu können, dass entweder zunächst naturphilosophische Debatten geführt werden müssten oder die Ethik noch einmal von Neuem erfunden, entdeckt und entwickelt werden muss.

Zu den natürlichen Gegebenheiten beginne ich bei Kant. Dieser hat die apriorischen, also vor jeder Erfahrung existierenden, Anschauungsformen Raum und Zeit aufgestellt. Für den Raum haben wir dabei einen äußeren „Sinn“, für die Zeit einen inneren. Ich werde erst mal mit der Zeit fortfahren. Stellt man sich die Zeit nun als innerlich vor, wird schnell deutlich, im Raum passt sie gerade so auf einen Raumpunkt. Denn gehen wir davon aus, dass sie sich auf unseren Körper bezieht, so können wir noch einen Schritt nach innen gehen. Bezieht sie sich auf unser Gehirn, dann ebenso, und so weiter. Das macht man so lange, bis die Zeit sich auf den kleinsten Punkt bezieht. Jetzt haben wir aber das Problem, dass jeder Punkt doch noch ein kleiner Raum mit Inhalt ist, wie wenn man einen Punkt mit einem Bleistift auf ein Blatt Papier malt: Spitzt man den Bleistift an, kann der Punkt noch kleiner werden. Die Zeit ist nun also auf ganz kleinen Raum „gedrängt“. Die logische Folge ist nur, dass, wenn die Zeit sich auf einen kleinen Raum bezieht, sie sich, insofern sie sich auf beliebig kleinere Räume beziehen kann, auch auf beliebig größere Räume beziehen kann.

Es kann also ein Atom, der eigene Körper, das eigene Haus, aber auch das ganze Universum auf einem Zeitstrahl liegen. Das heißt, wir können an jeden beliebig großen Raum eine eigene Zeitachse anlegen. Insofern ein Zeitpunkt auf dieser Zeitachse äquivalent ist zu dem Raum, auf den sie sich bezieht, in einem bestimmten Zustand1, ist beispielsweise leicht ersichtlich, dass zwei Zeitachsen, die sich auf verschiedene Räume beziehen, wenn diese Räume makrophysikalisch unterschiedlich sind, sich nie schneiden. Das heißt: Lege ich eine Zeitachse an den Raum an, in dem mein Haus liegt, und eine an den des Hauses meines Nachbarn, sind die Häuser zu unterschiedlich eingerichtet, um jemals in den exakt gleichen Zustand zu kommen. Ergo sind auch alle Zeitpunkte, die wir diesen Räumen entnehmen, unterschiedlich.

An dieser Stelle – oder vielleicht schon ein bisschen früher – kommen Einsteins Inertialsysteme2 ins Spiel. Diese sind physikalisch zu betrachtende Raumabschnitte, die relativ zu einem Fixstern in Bewegung sind. Und sie haben alle eine eigene Uhr. Also auch Einstein erkannte die Notwendigkeit einer eigenen Uhr für jeden separat betrachteten Raumabschnitt.

Machen wir hierzu ein Beispiel:

Wir betrachten die Räume A, B und C. A grenzt direkt an B und C umschließt die beiden Räume A und B. Nehmen wir weiterhin an, es gäbe für die beiden Räume A und B nur jeweils zwei Zustände; nennen wir sie 1 und 0. Dann gibt es für Raum C die vier Zustände:

A B
1. 1 1
2. 1 0
3. 0 1
4. 0 0

Auf der Zeitachse, die sich auf den Raum A bezieht, sind 1. und 2. derselbe Zustand, demnach auch derselbe Zeitpunkt. In Raum C wiederum handelt es sich um zwei verschiedene Zeitpunkte, da in Raum B die Zustände differieren.

Sei nun aber für unsere Zeitmessung allein der Raum A relevant, findet 1. und 2. gleichzeitig statt. Betrachten wir unter dieser Prämisse noch einmal Raum B, so stellen wir fest, dass es sich bei 1. und 2. um unterschiedliche Zeitpunkte handelt. Da diese aber gleichzeitig stattfinden, müssen sie „parallel“ zueinander liegen. Dies bezeichne ich als Paralleluniversum. Wichtig ist hier zu bemerken, dass es sich dabei mitnichten um das ganze Universum handeln muss, sondern lediglich um einen betrachteten Raumabschnitt. Das ist die zeitliche Betrachtung von Paralleluniversen.

Betrachtet man nun einen Raum der klein genug ist, damit maximal ein kleinstes Teilchen in ihn hineinpasst, dann hat er, wie oben in der vereinfachten Tabelle, maximal so viele Zustände, wie es verschiedene kleinste Teilchen gibt plus eins für den Fall, dass er leer ist. In der Tabelle wurde angenommen, dass lediglich ein kleinstes Teilchen möglich ist.

Ich möchte nun einen kleinsten Raum einführen. Dieser soll hier zweierlei darstellen. Im Grunde handelt es sich dabei um ein Gedankenexperiment, da, wie oben beschrieben, zu jedem Raum auch theoretisch ein kleinerer Raum vorstellbar ist. Um aber physikalisch damit zu argumentieren, ist es völlig hinreichend, die momentan kleinste Abmessung von Materie als die Größe dieses Raumes vorzustellen, obwohl theoretisch philosophisch nicht haltbar, da, wie gesagt, immer ein kleinerer Raum vorgestellt werden kann. Die zweite Verwendung wird aus meinem Anspruch der Wiederkehr zur Naturphilosophie ersichtlich.

Da dieser „kleinste Raum“ immer dieselbe Ausdehnung hat, nämlich die eines kleinsten Teilchens, ist er austauschbar mit jedem anderen solchen Raum. Man könnte also, wenn man bei der Tabelle bleiben möchte, sagen, dass es sich bei A und B in 1. und 4. um denselben Raum zum selben Zeitpunkt bei 2. und 3. um denselben Raum zu verschiedenen Zeitpunkten handelt. Im Vakuum gilt besonders: Wenn zwei Räume dieselbe Ausdehnung haben, handelt es sich dabei um denselben Raum, solange die beiden Räume nicht in Beziehung zueinander gestellt werden.

Nimmt man nun an, dass jeder Raum der Größe X theoretisch in den Zustand eines anderen Raumes derselben Größe gelangen kann, so handelt es sich bei beiden Räumen um denselben Raum zu anderen Zeitpunkten. Man könnte also sagen, dass zwei nebeneinander liegende Räume mit der gleichen Größe oder Ausdehnung Paralleluniversen sind, da diese im Vakuum, wenn nicht in Beziehung zueinander gestellt, derselbe Raum wären und nur mit einem zufälligen, differierenden Inhalt gefüllt sind. Das ist die räumliche Darstellung von Paralleluniversen.

Gäbe es nur einen dieser kleinsten Räume, so steht fest, dass für diesen die Zeit nicht vergeht, wenn sich nicht sein Zustand ändert. An nichts wäre die Zeit zu messen. Nun hat er n verschiedene Zustände, wobei n die Zahl verschiedener kleinster Teilchen plus eins ist. Da er nicht zwei Zustände gleichzeitig haben kann, gibt es zu jedem Zeitpunkt immer nur eine „Wahrheit“, ein Dasein. Und es ist offensichtlich, dass unser Universum aus vielen solcher kleinster Räume besteht. Das heißt, zur „Programmierung“ des Universums, braucht man nur n+1 Zustände zu kennen, wenn man die Leere dazu zählt. Man müsste theoretisch nur einen kleinen Raum generieren und diesen vervielfachen. Oder anders ausgedrückt: Es reicht ein instabiler Raum, der gleichzeitig verschiedene Zustände haben kann, die als ein Nebeneinander gedeutet werden, um in der menschlichen Anschauung ein ganzes Universum abzubilden.

Wir halten fest: Ein Raum in verschiedenen Zuständen ist entweder durch ein zeitliches Nacheinander oder durch ein räumliches Nebeneinander darstellbar.

Wollen wir nun unter diesem Vorzeichen die Kausalität betrachten. Diese habe ich nicht grundlos bisher unerwähnt gelassen. Ich will die Kausalität erst einmal allgemein so verstehen, dass jeder Zustand eines Systems zwangsläufig einen bestimmten anderen Zustand nach sich zieht und ihm im Umkehrschluss auch ein bestimmter Zustand vorangegangen ist. Wie wir sehen, ist der Zustand eines Systems, sofern ein System (auch) räumlich abgegrenzt ist, ein Zeitpunkt. Was man also sagt, ist, dass die Zeit nur eindimensional verläuft. Etwas dürftig ausgedrückt, könnte man so etwas sagen wie, der Zustand zu einem Zeitpunkt muss zum nächsten Zeitpunkt einen bestimmten Zustand bewirken. Das wäre zwar falsch, da der Zeitpunkt bereits der Zustand ist, aber verständlicher, da Zeitpunkte hier als Platzhaltervariablen fungieren. Kausalität ist natürlich nicht grundsätzlich falsch. Aber sie als Gebieterin über Raum und Zeit, als eine Vermittlerin, zu betrachten, die sich aus diesen aber wieder ausnehmen könne, ist falsch. Kausalität muss sinnvollerweise mit Raum und Zeit verwoben sein.

Nun rede ich aber von Paralleluniversen. Dass es sie gibt, ist unmissverständlich, wenn man sich vorstellt, dass jeder Raum aus kleinsten Räumen besteht, die n verschiedene Zustände haben. Jeder dieser kleinsten Räume ist bei einer beliebig langen Zeitdauer in jeden anderen dieser kleinsten Räume konvertierbar. Man könnte sich jetzt daraus einen großen Raum „bauen“, aber das wäre überkomplex. Ein solcher Raum hätte nx verschiedene Zustände, wobei x die Anzahl kleinster Räume ist, aus denen er besteht. Aber ich will den kleinsten Raum als theoretische Größe verstanden wissen, da er uns vor ähnliche Probleme stellte wie irrationale Zahlen. Vielmehr will ich, dass man sich einen kleinsten Raum vorstelle. Wird dieser instabil, nimmt er also einen anderen Zustand an, muss er sich in zwei kleinste Räume oder zwei Zeitpunkte teilen. Wir würden das als ein Nebeneinander oder ein Nacheinander verstehen. Dass er beides tut, ist offensichtlich. Denn es besteht sowohl ein Raum mit mehr als n Zuständen bei relativ kleinem n, was eine längere Zeitachse notwendig macht als auch eine längere Zeitachse mit mehr als n verschiedenen Zuständen, was einen größeren Raum notwendig macht mit mehr als n verschiedenen kleinsten Räumen. Hierbei wird erkennbar, dass sich Zeit und Raum gegenseitig bedingen. Es wäre nämlich völlig unsinnig, ein Universum der Größe, die wir heute für es annehmen, zu konzipieren, wäre jeder Raumabschnitt zu einem Zeitpunkt gleich zu jedem anderen Raumabschnitt mit gleicher Abmessung. Genauso wäre es unsinnig, eine Zeitspanne von solcher Größe zu konzipieren, als hätte es immer nur wenige verschiedene Zustände im gesamten Raum gegeben. Diese Prozesse aber können weder durch Raum noch durch Zeit „stabilisiert“ werden. Von daher sage ich nicht, dass unser Universum sich „irgendwann“ aus einem kleinsten Raum entwickelt hat und „irgendwann“ wieder in diesen zerfallen wird. Ich sage vielmehr, dass die Instabilität zwangsläufig eine Teilung in mehrere Raum- und Zeitpunkte sowie eine Einigung in weniger Raum- und Zeitpunkte zur Folge hat. Man kann also von einem kleinsten Raum ausgehen, der irgendwann in einen so großen Raum mündet, dass er nx verschiedene Zustände und Zeitpunkte hat. Das bedeutet also, aus einem kleinsten Raum kann jeder x-fach größere Raum entstehen. Die wahrgenommene Ausdehnung des Universums könnte man somit mit einer Welle vergleichen, die sich bekanntermaßen an jedem Punkt ringförmig verbreitet. So gäbe es im Universum derzeit mehr instabile Punkte als stabile Punkte, die eine Ausdehnung im Großen notwendig machen. Wäre Ordnung das Prinzip, wäre jeder x-fach größere Raum in einen kleinsten Raum rückführbar, der nach dem Prinzip des Chaos, also durch Ausdehnung, in jeden anderen Raum beliebiger Abmessung überführbar ist. Damit haben wir den Beweis für Paralleluniversen, wenn man sie so formuliert wie ich.

Das aber wirft bereits große Zweifel an einer eineindeutigen Kausalität auf. Dehnt sich ein Raum aus, weiten sich die Möglichkeiten. Zieht er sich zusammen, werden die Möglichkeiten eingeschränkt. Im ersten Fall folgt nicht nur ein Zustand, also Zeitpunkt, auf einen vorhergehenden. Im zweiten Fall geht nicht nur ein Zustand einem folgenden vorher. Eine strikte Kausalität, die nur einen Weltzustand vor und nach jeweils einem bestimmten anderen solchen Zustand zulässt, ist unter den hier gegebenen Annahmen schlicht nicht haltbar.

Verlassen wir aber erst einmal das Terrain der Kausalität und widmen uns der Willensfreiheit. In der diesbezüglichen Debatte werden zwei Punkte stark gemacht, die die jeweils andere Seite widerlegen sollen. Der eine Punkt lautet, wenn ich mich (in einem deterministischen Universum) nicht anders hätte entscheiden können, habe ich keinen freien Willen. Der andere Punkt ist, wenn ich mich so und anders entschieden haben könnte, entschieden habe, dann habe ich gar keinen Willen, insofern mein Wille doch das Eine dem Anderen vorziehen müsste. Selbst wenn zwei gleichwertige Handlungsmöglichkeiten vor mir liegen, bewiese die durch mich wahrgenommene Gleichwertigkeit höchstens Indifferenz.

Offensichtlich sage ich, es gibt Paralleluniversen und nicht, dass wir in einem deterministischen Universum leben. Aber wollen wir uns dem Ganzen mal anders nähern. Ich wende hierfür gerne den aus der Physik stammenden Begriff des Ereignishorizonts an. Dort beschreibt er, wie groß der sichtbare Teil des Universums ist unter der Annahme, dass Licht vom Urknall bis heute von dieser Grenze bis zur Erde gedrungen sein könnte. Ich will mir diesen Begriff noch etwas zurechtmachen und setze den Urknall und diese Grenze als variabel. Zum Beispiel bedeutet das, dass, wenn wir von einem beliebigen Zeitpunkt aus etwa acht Minuten warten, der Ereignishorizont in diesen acht Minuten von der Erde bis zur Sonne reicht. Wir können dann das Sonnenlicht sehen, das ausgestrahlt wurde, als wir begonnen haben zu warten.

Ich beziehe diesen Begriff des Ereignishorizonts aber statt auf das Licht auf den Menschen. Wie weit sich ein Mensch in einer gewissen Zeit bewegen kann, ist also der Ereignishorizont dieser Person. So liegen zweihundert Meter in einer Zeit von zwei Minuten vermutlich im Ereignishorizont einer körperlich tüchtigen Person, zweihundert Kilometer aber definitiv nicht.

Sodann wollen wir diesen Begriff nun noch einmal erweitern. So fallen nicht nur die physikalischen Grenzen, sondern auch die eigenen Grenzen darunter. So würden wohl viele denjenigen, der sich an der Kasse vordrängelt, nicht schubsen. Für diejenigen, für die das gilt, liegt also auch diese Handlung, obwohl physikalisch möglich, außerhalb ihres Ereignishorizonts. Besonders willensstark sind Menschen, die sich ihren Ereignishorizont selbst wählen. Willensschwach aber sind sowohl diejenigen, die sich ihren Ereignishorizont von anderen setzen lassen, als auch diejenigen, die wenig oder gar keinen Ereignishorizont haben außer den physikalischen. Wie man sieht, versuche ich schon, den Bogen zum Willen zu ziehen. Willensstarke Personen würde man vermutlich besonders willensfrei finden, willensschwachen Personen hingegen einen sehr unfreien Willen zuordnen. Das bedeutet, dass nicht der Grad an Einschränkung der eigenen Person, sondern der Grad der Selbstbestimmung dieser Einschränkung einen freien Willen macht. Ebenso macht wenig Einschränkung auch keinen freien Willen, da eine kognitive Selbstverpflichtung fehlt.

Fassen wir noch einmal zusammen. Kausalität als solche gibt es in nicht abgeschlossenen Systemen nicht. Das heißt, wenn man keine räumliche Begrenzung zieht, also Ausdehnung zulässt, wird die Kausalität außer Kraft gesetzt, da Ausdehnung bedeutet, dass ein Zustand mehrere, einschließlich seiner selbst, nach sich zieht. Menschen hingegen sind durch physikalische Möglichkeiten sowie durch ihren Charakter eingeschränkt. Dies aber wirft nun die Frage auf, inwiefern Menschen schuldfähig sind. Der Ereignishorizont suggeriert es schon. Im Grunde nämlich ist der Mensch zu allem fähig, zu dem er physikalisch und charakterlich fähig ist. Dieser aber, und das beweist der Mensch als Spezies schon seit langem, lässt sich nicht von irgendeiner Moral gängeln. Es gibt und gab schon immer Mord, Raub und jedes andere als widrig empfundene Verhalten auf der Erde. Wie ich bereits annehmen musste, welches auch den Ereignishorizont notwendig machte, bedeuten Paralleluniversen, dass der Mensch sich so und anders verhalten kann, konnte und können wird. Wenn nämlich die Kausalität außer Kraft gesetzt wird, so gilt zumindest bei einem Blick von außen, dass man sein Gegenüber nicht hinsichtlich seines zukünftigen Verhaltens einschätzen kann. Dasselbe muss nun aber auch für einen selbst gelten. Inwiefern aber ist nun ein Mensch nach irgendwelchen Regeln, die er nicht für sich selbst im Zuge der Entwicklung seines Charakters und Mitentwicklung seines Ereignishorizontes gesetzt hat, schuldfähig?

Diese Frage wurde vielfach zu beantworten versucht. So macht sich nach Kant ein Mensch der Absicht wegen schuldig. In den meisten Religionen gibt es Regelkataloge. Nach Nietzsche ist (insbesondere moralische) Schuld gänzlich von der Hand zu weisen. Mir scheint es hingegen sinnvoll, an dieser Stelle zu abstrahieren. Ich stelle ja der tatsächlichen Existenz von Paralleluniversen den Ereignishorizont gegenüber. Insofern dieses wellenartige Gesetz gilt, dass Instabilität zu Verzweigung und Stabilität zu Zusammenführung führt, das Universum also darüber hinaus nicht existieren kann, sollte da nicht auch der Mensch darüber hinaus nicht existieren?

Für mich bedeutet das, dass der Mensch in einer meiner Meinung nach auch seelisch wahrnehmbaren Instabilität zu mehr Handlungen in der Lage sein sollte, in einer aber eher stabilen Phase zu weniger Handlungen. Moral hingegen ist nur stabilisierend. Man könnte von ihr auch den Fehlschluss hernehmen, dass Stabilität besser sei als Instabilität. Aber solche Gesetze gibt auch das Universum nicht her, müsste es, würde es bewerten, Instabilität und Stabilität beides als gleichwertig, denn für es notwendig, bewerten. Moral ist insofern falsch, wie auch das Beispiel zeigt, dass alle als widrig empfundenen Verhaltensweisen immer auch vorgekommen sind, vorkommen werden. Das heißt nun, dass keine Wertung von Stabilität und Instabilität zulässig ist. Und darüber hinaus heißt es, dass alles Werten keine heilbringende Zukunft, in der wir nur noch nach diesen Werten leben, möglich macht. Die Schuldfrage betrachtend aber heißt das, dass sich nur schuldig macht, wer über seine Fähigkeiten hinaus handelt und will. Die einzige kosmische Strafe aber, die man dort hinstellen kann, ist Instabilität.

Nun heißt dieser Text aber „Die große Antithese“ in Bezug auf die erste große Antithese im philosophischen Nachdenken, die durch Sokrates zu uns kam. Lebte er wohl in einer Zeit des Sophismus, einer Zeit, in der alles gefunden und die Welt sich zu verkleinern schien, kann man seine Antithese durchaus als eine Antithese zur Naturphilosophie betrachten. Diese Antithese war derart, ethische Fragen in den Mittelpunkt zu setzen. Mit diesem Text aber denke ich, gezeigt zu haben, dass die Natur ein reines Handeln nach ethischen Werten, wenn nicht unmöglich, dann unwahrscheinlich macht. Insofern wir in einem instabilen Universum leben und somit selbst instabil sind und dies alles in einem mehr stabilisierenden als destabilisierenden Universum noch immer der Fall wäre, ist es uns gar nicht derart möglich, uns an Regelkataloge oder gar an den kategorischen Imperativ zu halten, wie es uns möglich ist, darüber nachzudenken. Die große Antithese lautet also: Bevor wir uns (weiter) mit ethischen Fragen beschäftigen, müssen wir erst einmal die Beschaffenheit des Universums ergründen.